SteinLiebe

Ich liebe Steine – schon immer.

Als Kind suchte ich die glatten Kiesel, die mein Vater dann für mich über die Oberfläche des Flusses hüpfen ließ. Später suchte ich Steine, die eine besondere Form hatten oder eine besondere Struktur.

Aber einen Steinbildhauer kannte ich bisher persönlich nicht.
Die erste Begegnung mit Pi und seinen Steinen fand in Berlin statt.
Galerie „Troisième Étage“.
Dort standen sie – an einem grauen Novemberabend, in herrschaftlichen Räumen in denen sich viele Menschen drängten – und übten eine seltsame Anziehung auf mich aus. Ich musste sie heimlich berühren, meine Fingerspitzen über ihre Struktur gleiten lassen.

Was ist das für ein Mensch, der dieses Material so eigenwillig und unverwechselbar bearbeitet?

Wir sprachen an diesem Abend miteinander, wir verstanden uns und verabredeten einen Besuch in seinem Atelier in der Schweiz.
Ja, Pi ist Schweizer, bisher kannte ich auch noch keinen Schweizer, persönlich meine ich.

Im Juli des darauffolgenden Jahres war es soweit. An einem heißen Tag fand ich ihn neben seinem Atelier im Schatten eines Baumes an einem Steintisch, umgeben von Steinen, Fragmenten, Skulpturen, Werkzeug.

Das Atelier – ein Steinwunderland.

Geduldig beantwortete er meine Fragen nach den unterschiedlichen Materialien, nach dem Woher, nach dem Warum, nach dem Wieso. Ja, hier ist er zu Hause, bedächtig, ruhig und konzentriert geht er von einer Skulptur zur Anderen, berührt sie und berichtet mit großem Ernst über die Entstehung, manchmal auch über den Widerstand und wie er sich dem Stein beugen musste.

Und da ist „ ES“, das, was mich neben der Einzigartigkeit, der sensiblen Bearbeitung und gradlinigen Konzeption seiner Kunst am meisten berührte und berührt –

SEIN TIEFER RESPEKT VOR DEM MATERIAL.

Dies durfte ich anschließend nochmals intensiv erleben.
Auf meine Frage, ich würde gerne wissen wie es sich anfühlt einen Stein, von Hand, zu behauen, zu schleifen und zu polieren meinte er nur: „ Ja“ – und das „Ja“ hörte sich an wie: „ja, aha“ – das können wir machen:“

So lernte ich unter seiner Anleitung die Grundkenntnisse wesentlicher Techniken der Bildhauerei kennen.

Nach zwei Tagen mit schmerzendem Rücken, mit einem rechten Arm, der kaum noch zu bewegen war, aber glücklich und dankbar für diese Erfahrung, die mir nicht nur eine kleines bearbeitetes Stück Jurakalkstein schenkte, sondern auch einen kurzen Einblick gab, wie Pi einen Stein betrachtet, nach welchen Kriterien er einen Stein aussucht, wie er in ihn hineinschauen kann, letztlich seine persönliche Zwiesprache mit dem Material, verabschiedeten wir uns auf ein nächstes Mal.

Daraus sind jetzt schon viele Male geworden, ob in Mainz oder in Burgdorf. Und ich weiß, Eines verbindet uns ganz sicher und das ist die Liebe zum Material – SteinLiebe.


Juli, 2003 Sieglinde Ludes für Pi