Skulpturen als Architektur der Sinne

Der Bildhauer Pi Ledergerber im Gespräch mit Andreas Weber
(auf der Fahrt durch das Emmental am 21. Juni 2003)


Was treibt Dich an beim künstlerischen Arbeiten?

PI. Imaginäre Bilder im Kopf – Bilder von neuen Skulpturen im Dialog mit dem Stein Wirklichkeit werden zu lassen.

Wie entstehen Deine Steinskulpturen?

PI: Ich gehe von einer Idee aus und suche den passend erscheinenden Steinblock. Wenn ich einen Stein finde, der mich besonders interessiert, der mich anspricht und mir quasi etwas mitteilt, versuche ich dem Stein gerecht zu werden. Das verursacht mehr Mühe, als ein freies Konzept umzusetzen, mit einem auf Wunsch geschnitten Steinblock.

Woran merkst Du, ob Du mit dem Material zurecht kommst?

PI. Das ist eine Frage der Erfahrung. Es kommt sehr selten vor, dass ich nicht mit einem Stein zurecht komme. In jedem Fall ist es spannend, Überraschungen zu erleben, wenn der Stein sich sträubt. Falls es nicht gelingt, das umzusetzen, was ich mir vorgenommen habe, komme ich oft auf ganz neue Ideen und Veränderungsmöglichkeiten. Und die fließen bei der weiteren Arbeit an der Skulptur oder bei der nächsten Arbeit mit ein.

Heißt das, Deine Skulpturen gestalten sich in einem interaktiven Prozess?

PI: Das Material beeinflusst die künstlerische Idee, und umgekehrt. Meine Vorstellungen wandeln sich im Laufe der Arbeit. Es ist für mich nicht denkbar, ein Modell zu schaffen und dann von einem Dritten ausführen zu lassen. Ich brauche Originalität und eine absolute Ursprünglichkeit beim Schaffen.

Vieler Dein Arbeiten nennst Du „Schichtungen“. Was hat es damit auf sich?

PI: Auf den ersten Blick mag der Eindruck entstehen, einzelne Platten seien aufeinander getürmt. In Wirklichkeit sind sie aus einem Steinblock herausgehauen. Das monolithische der Arbeit ist mir wichtig, auch bei den Arbeiten, die ich spalte, Eingriffe vornehme und wieder zusammensetze.

Entstehen Deine Arbeiten seriell, eine nach der anderen, oder arbeitest Du parallel an mehreren Skulpturen gleichzeitig?

PI: Es kommt häufig vor, dass ich mit der Einen beginne, stelle sie beiseite und beschäftige mich mit einer Neuen. Meine Arbeiten haben so Gelegenheit zu reifen und ich nehme mir Zeit, um gewisse Entscheidungen zu treffen.

Wann weißt Du, ob die Arbeit an einem Werk vollendet ist?

PI: Vollendung ist ein großes Wort ... Um das Ende der Arbeit an einem Stein zu setzen, höre ich nicht schlagartig auf. Es bedarf des Abstands und der Ruhe, eine Nacht darüber zu schlafen. Das Risiko besteht immer, den Bogen zu überspannen und eine Arbeit zu weit zu treiben.

Warum bist Du Bildhauer?

PI: Mein familiäres Umfeld bot keinen Ansatz zur Kunst. Ich habe viel gelesen und mich umgeschaut. Ich habe mich in verschiedenen Berufsmöglichkeiten umgesehen. Landschaftsarchitektur und Bildhauerei haben mich angesprochen.

Bist Du Autodidakt?

PI: Ich hatte die Möglichkeit, bei einem freischaffenden Bildhauer in Luzern, Franco Annoni, in die Ausbildung zu gehen, um die handwerklichen Grundlagen der Steinbildhauerei zu erlernen. Nach zwei Jahren konnte ich selbständig arbeiten – anfangs, um Geld zu verdienen, auch im Auftrag für andere. Da war alles dabei, auch Arbeiten am Bau und in einer Gießerei. Das hat mich geprägt, ich konnte viel lernen. Meine künstlerische Haltung habe ich mir dann selbst erarbeitet.

Du warst nicht an einer Kunstakademie?

PI: Nein. Physik und Philosophie an der Universität in Bern haben mich mehr interessiert als der akademische Kunstunterricht.

Das spricht für einen stark ausgeprägten Individualismus, oder?

PI: Ich muss meinen Weg selbst suchen und wählen können.

Würdest Du das wieder so tun?

PI: Ja, ich kann mir nicht vorstellen, pflicht- und weisungsgemäß einen Beruf in der Weise auszuüben, dass die Tätigkeit im Ruhestand endet.

Gibt es in Deinem Leben den Moment, wo Du sagen könntest: da war der Durchbruch erreicht – jetzt bin ich Künstler?

PI: Nein, von einem Durchbruch kann man nicht direkt besprechen. Mein Entschluss stand früh fest, Künstler zu werden. Es war eine andauernde Entwicklung, sich als unabhängiger Künstler zu etablieren.

Hast Du Leit- oder Vorbilder?

PI: Anfangs, als ich 20 Jahre alt war, hat mich Brancusi mit seiner Lebenshaltung beeindruckt. Es gibt sicher eine Reihe anderer, die mich geprägt haben.

Wie wichtig ist Dir die Meinung Deines Publikums?

PI: Es ist eine große Befriedigung zu beobachten, wenn aus einer Arbeit etwas geworden ist und Menschen mit neuen Ansätzen, die ich gefunden habe, zurecht kommen. Veränderungen und Weiterentwicklungen sind für mich ganz wichtig und finden im Dialog mit anderen statt.

Arbeitest Du ausschließlich mit Stein?

PI: Nach meiner Steinbildhauerlehre gab es eine Schaffensperiode, da habe ich durchweg Holz benutzt. Holz hat mich zunächst mehr interessiert als Stein, später wurde das anders. Heute widme ich mich beiden Materialien. Es fasziniert mich, die unterschiedlichen Eigenschaften des Materials in mein Werk einzubeziehen.

Welche Unterschiede machen Stein und Holz aus? Welchen Einfluss hat das Material auf die Gestaltung?

PI: Stein ist kompakt. Holz kann feingliedriger bearbeitet werden. Holz kann man brennen, brechen und ausfasern. Beide haben aber ihre spezifischen Eigenschaften. Das möchte ich mit meinem Werk zum Ausdruck bringen.

Gibt es eine typische Handschrift, die den Künstler Pi Ledergerber charakterisiert?

PI: Das müssen andere beurteilen als ich. Ich weiß nur, dass ich meinen Weg gefunden habe. Eventuell lässt dies einen Zusammenhang zwischen meinen Arbeiten erkennen.

Du hast Brancusi als Vorbild in der Lebensführung genannt – was ist darüber hinaus prägend für Dich?

PI: Meine Kindheit in der Zentralschweiz hat mich geprägt. Die Berge, die Natur sind mir wichtig. Das Beobachten und das freie Entwickeln von künstlerischen Ideen hilft mir, Strukturen zu finden und in neue Dimensionen des menschlichen Daseins vorzustoßen.

Dein Anliegen als Künstler?

PI: Mein Anliegen ist, durch die Arbeit meiner Händen meinen Gefühlen und Ideen Ausdruck zu verleihen und räumlich zu gestalten. Darin liegt wohl auch mein Interesse an Architektur begründet. Nur kann der Architekt im Gegensatz zu mir als Künstler nicht immer das umsetzen, was er sich im Idealfall vorstellt. Mag sein, dass gerade deshalb Architekten meine Werke schätzen.