SCHÄTZE PRÄKOLUMBISCHER KERAMIK IN LAUSANNE
Collection Barbier-Mueller, Museo Barcelona, zu Gast in der Fondation de l´Hermitage


Adresse:

Fondation de l´Hermitage, 2, route du Signal, Case postale 38,
CH . 1000 Lausanne 8 Tel. 004121 320 50 01, Fax 004121 320 50 71
Auskunft 004121 312 50 13, E-mail: info@fondation-hermitage.ch
Internet: www.fondation-hermitage.ch

Dauer:
Öffnungszeiten:  

24. Juni bis 24. Oktober 2004
Dienstag bis Sonntag von 10 – 18 Uhr,
Donnerstag bis 21 Uhr

Katalog:

344 S., 150 Abbildungen in Farbe, Fr. 68.- in der Ausstellung, Fr. 83,50 nach der Ausstellung im Buchhandel. In spanischer und französischer Sprache erhältlich.


Eine ungewöhnliche Präsentation von Meisterwerken praehispanischer Kultur seit 1500 v. Chr. bis über das erste Viertel 1500 n.Chr.

Von Ursula C. Weber

Unbedingt eine Reise wert: Die neueste Ausstellung in der berühmten Fondation de l´Hermitage in Lausanne am Genfer See. Die Kunst der altamerikanischen Kulturvölker zu zeigen, ist ein außerordentlich lobenswertes Unternehmen der Fondation, die sich schon mit der 1988 gezeigten Ausstellung „Das Gold von Peru“, anschließend 1992 mit der Schau „Ecuador – Erde und Gold“ einen großen Namen machte. Die Sammlung Barbier-Mueller jetzt mit 100 Meisterwerken präkolumbischer Keramik aus dem Museo Barcelona, die zum Großteil überhaupt noch nicht öffentlich zu sehen waren, eröffnet wertvollen Einblick in die Kunst der Völker Mittelamerikas und der Andenkulturen. Etwas auch nur annähernd Ähnliches haben die Kunst und die Kultur der alten Völker auf unserem Kontinent nicht hervorgebracht. Man kommt in eine „Neue Welt“. Dieses Erlebnis in ein paar Stunden Fahrt erreichen zu können, möge hier angeraten sein.


Zur kulturellen Situation Altamerikas

Das 15. Jahrhundert n. Chr. brachte die großen Abenteuer der Entdeckungsreisen, die damit die Erforschung neuer Erdteile, Inseln etc. begründeten. Der berühmteste Entdecker ist Christoph Kolumbus, der als Entdecker Amerikas gilt, obwohl er eigentlich den Seeweg nach Indien suchte.
Für alle, die ihre Erinnerungen nicht gerade parat haben: Christoph Kolumbus (1451 Genua bis 1506, Valladolid) hat für das Abendland die „Neue Welt“ entdeckt, nach Marco Polo´s und Bartolomeu Diaz´ Pioniertaten (Zentralasien, China und Kap der Guten Hoffnung/Südafrika) 1492 die Bahamainseln, Kuba, Hispaniola, was heute als der Beginn der Neuzeit gesehen wird.

In einer chronologischen Übersichtskarte der Ausstellung ist zu erkennen, wie früh die Herstellung von Keramik im Südwesten Nordamerikas begann durch Jäger und Sammler um 3000 v. Chr. , in Mittelamerika durch Völker wie z. B. Olmeken, Tolteken, Azteken, Maya ab 1000 v. Chr. , bei den Andenvölkern durch verschiedene Stämme, von denen uns die (früh vertretenen) Mochikas, Nazkas etc. weniger bekannt, die (spät auftretenden) der Inkas am geläufigsten sind.

Diese Natur- und Halbkulturvölker Altamerikas besaßen zwar Kenntnisse schon in der Metalltechnik, aber in ihrer kulturellen Entwicklungsstufe sind sie offenbar häufig nicht weiter gewachsen, da sie eine fertige Schriftsprache nur zum Teil entwickelten und es so aussieht, als seien sie mitten in ihren Entwicklungsstufen durch Schicksalsschläge aufgehalten worden. Zum Teil gingen die Kulturen einfach unter, und man weiß bis heute nicht, wieso das so plötzlich geschah nach Höhepunkten in den Gebieten der Kunst und der Architektur, die von ihrer Existenz, ihrer Hochkultur Zeugnis ablegen. Umso höher ist das erhaltene Kunsthandwerk in seiner künstlerischen bildnerischen Qualität, das sich mit göttlichen, menschlichen, tierischen und pflanzlichen Themen religiös und mythisch, aber auch im täglichen Bereich auseinandersetzt, zu bewerten und die Genialität der Sammler zu bewundern, die diese Schätze für uns zusammengetragen haben, - oft unter abenteuerlichen Umständen.


Der Sammler J.P.Barbier-Mueller und seine Erkenntnisse

Etwas fiel mir besonders auf und gefiel mir: Der Sammler Jean Paul Barbier-Mueller sagt in seinem dem „Leser, dem Besucher“ gewidmeten Eingangswort zum Katalog, die „Rehabilitation des Töpferhandwerks ist auch die Rehabilitation der KünstlerIN. Die Urne, der Pokal, die Schale, wie auch die Textilien oder die Korbwaren, sind meistens gefertigt von Frauen. Die Shipibo des im Gebiet des Amazonas siedelnden Peruaner haben sich nicht gescheut, den Frauen auch die Dekoration anzuvertrauen (...), während die Gefäße der Mayas, gleich ob sie vielfarbig waren oder im Stil des (Codex) der Tradition, von Männern bemalt wurden.“

Jean Paul Barbier-Mueller wünscht sich, „ dass die Auswahl (der Exponate) in ihrer Dimension verstanden werde als eine Hommage zu Ehren derjenigen, die diese Wunderwerke geschaffen haben. Wollen wir nicht immer, über die Objekte hinaus, uns für Derartiges interessieren, indem wir die Pilgerreise in ein Museum damit erfüllen, dort die unzählige Vielfalt des menschlichen Genies vorzufinden?“

Genau so ist es, und Plato sagt, am Anfang jeder Philosophie stehe das „thaumazein“, das „Staunen“, das ja auch das Bewundern einschließt. Diese begabten Völker, vor deren Kunstwerken wir stehen, haben oftmals keine vollständige Schriftsprache tradiert, sie stehen am Ende einer höchsten Entwicklungsstufe der Kunst und Kultur von Ur- und Naturvölkern, sind nicht vergleichbar mit asiatischen, ägyptischen oder auch europäischen Kulturen. Sie wollen geistig erobert werden in ihrer Fremdheit, ihrer Außergewöhnlichkeit; sie enthalten viel Geheimnisvolles, Mythisches, Rituelles in ihren Darstellungen. Am meisten noch erinnert die Sepulkralkultur an Gemeinsamkeiten.

Aus ihr bezieht der Sammler, der Wissenschaftler hauptsächlich seine Kenntnisse.


Kunst aus Mexiko und von den Andenvölkern

Das Gebiet der alten Kulturvölker auf dem südamerikanischen Kontinent erstreckt sich von Kolumbien aus an den Ufern des Pazifischen Ozeans entlang zu den Ländern Ecuador, Peru und Bolivien. Wenn Mexikos Kultur sich entwickelte in den klimatisch gemäßigten Höhen von 1 500 bis 2.500 Meter, so lebten und leben die Peruaner in Bergen bis zu 4 000 m über dem Meeresspiegel.
Die Küstenstriche sind sumpfig, ausgedörrt. Die Völker hatten also stets Auseinandersetzungen mit der Natur, in der sie lebten, aus ihrer Erlebniswelt heraus befassten sie sich in ihrer Kunst, speziell der Keramik, mit der Darstellung der Gottheiten des Himmels, der Sonne und des Mondes, aber auch des wichtigen, den Boden tränkenden Regens. Außerordentlich eindrucksvoll sind die Terracottafiguren mit Darstellungen von Männern und Frauen einzeln, aber auch als Paarform, die Masken, ein Vasenporträt mit aufgesetztem Bügel aus Peru (200 vor bis 700 nach Chr.). Aus Mexiko kommt die polychrome Frauenfigur - siehe Abb.1 (500 bis 100 v. Chr.) -, die mit einer Höhe von 72 cm und einer Breite von 28,5 cm ein fast monumental zu nennendes Format aufweist; sie steht wohl in der Tradition der Darstellungen von weiblichen Figuren, die als Erdmutter verehrt wurden.

Polychrome Frauenfigur, Keramik

Polychrome Frauenfigur
Keramik
Chupícuaro, Mexiko
500 v. Chr. – 500 n. Chr.
H: 72 cm, B: 28,5 cm, T: 15 cm
Sammlung Barbier-Mueller
© Foto: Studio Ferrazzini Bouchet, Genf


Darstellung anthropomorpher Figuren

Es herrscht eine ungewöhnliche Datierungsproblematik bei den zierlichen anthropomorphen Figuren aber auch bei der Gefäßkeramik vor mit verblüffenden, Jahrhunderte überdauernden Zeitspannen, indem in der Bildlegende die Entstehungszeit z.B. bei der reizvollen anthropomorphen weiblichen Keramikfigur (Katalognummer 18, nur 7,9 auf 4,6 auf 4 cm hoch, breit und tief), zwischen 1150 – 500 v. Chr. angesetzt ist. Sie stammt aus Gerrero in Mexiko, ist geschaffen als Grabfigur, mit zahlreichen ranghohen männlichen und weiblichen Begleitfiguren wurde sie auf einem vorzeitlichen Friedhof ausgegraben, sie sollten die Verstorbenen begleiten in ihrem anderen Leben. In diesen Begräbnisriten, worauf ich schon hinwies, gibt es natürlich Entsprechungen zu Grabbeigaben, wie sie auch bei alten europäischen Völkern, auch in China, in Ägypten üblich waren.

Hier erhalten wir Aufschluss über die Vorstellungen, welche die Menschen dieser Welt vor 3000 Jahren schon bewegten, ihre anthropomorphen Statuetten und Masken, die - häufig übermäßig ausgestattet - mit symbolischem Schmuck etwas Gottähnliches in ihrer Herausgehobenheit aus dem Alltäglichen demonstrieren; eines dieser Geschöpfe bleckt die Zähne, läßt eine gespaltene Zunge lang heraushängen, agiert vierhändig mit aufgestellten Fingern, der Kopfschmuck ist reich versehen mit Symbolen; eine aggressiv wirkende Entschlossenheit und Differenziertheit wird zum Gegenüber des Menschen, der sie schließlich geschaffen hat (Abb. 77 im Katalog).


Tierplastik aus Keramik

Dem entgegengesetzt strahlen die tierähnlich, oft vogelgestalterisch geformten Gefäße – als Flaschen häufig mit Bügeln zum Greifen versehen – eine in sich versammelte klassische Ruhe aus, auch die auf ein pflanzliches Motiv zurückgehende Form. Plakat, Einladung, Katalog und Flyer ziert die Abbildung eines auffliegenden Vogels, einer Ente wohl, eine rot- und cremefarben gestaltete Keramik aus der Region des Sees von Patzcuaro in Mexiko (hier Abb. 2, Abb. 53 im Katalog). Hier sind wieder diverse Deutungen möglich, wie zum Beispiel diejenige einer rituellen Festdekoration oder die einer Symbolik für den Aufenthalt der Zugvögel am See bei einer Zwischenlandung. Auch eine religiöse Hermeneutik, die sich auf das Eintauchen der Vögel und ihr Schwimmen im See bezieht, kann als Kommunikationsform mit den Vorfahren in Betracht gezogen werden.

Vase in Vogelform, Keramik

Vase in Vogelform
Keramik
Kultur der Tarasken von Tzintzuntzán, Mexiko
1300–1600 n. Chr.
H: 17,6 cm, B: 31,7 cm, T: 30,4 cm
Sammlung Barbier-Mueller
© Foto: Studio Ferrazzini Bouchet, Genf


Porträtkunst

Einen Höhepunkt bildet eine Porträtkeramik aus Peru (200 vor bis 700 nach Chr.), mit Griff in Form eines Steigbügels. Der mit individuellen Zügen gebildete Kopf eines reiferen Menschen mit einer anliegenden Haube, diese wiederum mit einem merkwürdigen Emblem versehen, wirkt in seiner Mimik wie ein Philosoph, auf jeden Fall eine ausdrucksstarke ranghohe Persönlichkeit. Der Anblick ist und macht sehr nachdenklich.
Als einzigartige Darstellung ist auch das göttliche Paar in seiner Liebesstellung zu sehen: wohl die Darstellung eines Gottes, der sich einer Göttin vermählt. Das dreifarbige Keramikgefäß zeigt vermutlich den Gott des Wassers, der die Erdgöttin befruchtet, denn auf seinen Wangen rinnen Ketten von Tränen, sehnlich erhofft offenbar von der ihn starr anblickenden Erdgöttin. Die Wissenschaft, die Kunstgeschichte vermuten hier symbolische Bezüge zum Phänomen des El Nino, der für Peru und Ecuador vom Pazifik her anomale Wassererwärmungen verursacht, die zu Überschwemmungen oder zu Dürre führen können.


Die menschenähnliche Graburne

Die reich dekorierte Graburne (hier Abb. 3, Abb. 35 im Katalog) in grauer Keramik der Zapoteken in Mexiko weist ebenfalls ein beachtliches Format auf mit einer Höhe von 51,8 cm, einer Breite von 32,5 cm, einer Tiefe von 23 cm. Sie diente nicht der Aufbewahrung von Asche eines Verstorbenen, sondern derjenigen der Erinnerung an hohe Gottheiten und in göttlichen Rang erhobenen Vorfahren. Die Entschlüsselung aller Schmuckembleme, die auf den mit gekreuzten Beinen sitzenden Dargestellten an Kopf und Körper aufgebracht sind, steht noch aus. Vor allem die Gesichtszüge sind von einprägsamer Schönheit.

Graburne Keramik, Zapoteken, Mexiko

Graburne
Keramik
Zapoteken, Mexiko
1–1100 n. Chr.
H: 51,8 cm, B: 32,5 cm, T: 23 cm
Sammlung Barbier-Mueller
© Foto: Studio Ferrazzini Bouchet, Genf

Auch die übrigen Urnen zeigen motivisch und farblich sehr originale Gestaltungsideen. Ein bauchiges Gefäß ist mit Spiralketten bemalt, die vom Vasenhals bis zum Boden sich schlängeln, der Hals ist mit einem eulenähnlichen, auf ein Querformat zusammengedrängten Gesicht bemalt (Brasilien, Insel in der Amazonasmündung, 500 – 1350 n. Chr.) Aus derselben Gegend stammt aus der Zeit um 1000 n. Chr. eine Urne in Gestalt eines hockenden Mannes, der die Hände auf den Knien auflegt, sein ebenfalls sehr gedrungener Kopf sitzt als Deckel auf einem sehr breiten Hals. Gerade und geschwungene Linien, mal breit, mal schmal Felder umgrenzend, rufen den Eindruck eines ausdrucksvollen eng anliegenden Gewandes hervor.


Diese Ausstellung verdanken wir dem Collecteur Jean Paul Barbier-Mueller, seinem Kulturinstitut und Museu de Arte Precolombino in Barcelona und der für höchste Qualität ihrer Ausstellungen berühmten Fondation de l´Hermitage in Lausanne; das Katalogbuch, bei Somogy Editions d´Art, Paris 2003, erschienen, ist unerlässlich zum Andenken an die Ausstellung und zum besseren Verständnis. Wichtige Sponsoren ermöglichten durch ihre Spenden das Zustandekommen dieser bedeutenden internationalen und den transatlantischen Dialog von Kunst und Wissenschaft fördernden Ausstellung.


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