DOMMUSEUM MAINZ: »Kein Krieg ist heilig – DIE KREUZZÜGE«

Aufsehenerregende internationale Sonderausstellung seit 2. April zählt bisher weit über 90.000 Besucher

Sommerextras im DOMMUSEUM

05.09. Familien-Kinder-Rittertag

Verlängert bis 26. September 2004
Dommuseum Mainz, Domstr.3, 55116 Mainz05.09.
Tel. 06131 - 25 33 78, Fax 06131 - 25 33 49
E-Mail: kreuzfahrer@bistum-mainz.de
Internet: www.bistum-mainz.de
Eintritt EUR 7,-, ermäßigt EUR 5, Familienkarte EUR 14,-
Dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr geöffnet.
Katalog-Handbuch, Hrsg. Hans-Jürgen Kotzur, Verlag Philipp von Zabern, Mainz, EUR 24,80, 560 S., ca. 300 meist farbige Abbildungen, 2.Auflage; Buchhandelsausgabe EUR 38,50. Dazu ein Büchlein mit den Tafelkommentaren der Ausstellung in der Gegenüberstellung von Texten mittelalterlicher Autoren islamischer und christlicher Herkunft, EUR 7,50.

Betrachtungen zu einer Jahrhundertausstellung – Ein Resumee

Das gab es in Mainz noch nie: Prozentual gesehen entspricht die Zahl der Besucher aus aller Welt fast der Hälfte der Bevölkerung der Stadt!

Von Ursula C. Weber

Gottes ist der Orient
Gottes ist der Okzident
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände     

Er, der einzige Gerechte
Will für jedermann das Rechte.
Sei, von seinen hundert Namen
Dieser hochgelobet! Amen

Aus J. W. von Goethe, Westöstlicher Divan (Divan = orientalische Gedichtsammlung)

Zur Eröffnung dieser Ausstellung waren geladen die Geistlichkeit, an ihrer Spitze Karl Kardinal Lehmann, die Landesregierung, vertreten durch Ministerpräsident Kurt Beck, die Stadt mit Oberbürgermeister Jens Beutel und Kulturdezernent Peter Krawietz als Spitzenvertreter, Gäste sowie Förderer und Sponsoren. Kardinal Lehmann nannte die Ausstellung „ein großes Wagnis“, die Kreuzzüge (...) bei „aller glühenden Glaubensbereitschaft (...) bewaffnete Wallfahrten“. Er dankte dem „Urheber und verantwortlichen Organisator, Dom- und Diözesankonservator und Direktor des Dom- und Diözesanmuseums Dr. Hans-Jürgen Kotzur und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren unermüdlichen Einsatz zugunsten dieses Projekts“.

Ministerpräsident Beck sprach davon, es gelte, ökumenische, ökologische und soziale Brücken zu bauen und zu zeigen, dass wir „aus der Geschichte gelernt haben“. Haben wir?


Motivierung und Historie

Eine außergewöhnliche Stimmung wird im Besucher erzeugt, wenn er durch den Kreuzgang wandelnd, - mittelalterliche Grabplatten zuweilen umschreitend, - sich den alten ehrwürdigen Räumen nähert, in denen das Dom- und Diözesanmuseum untergebracht ist: den ehemaligen anschließenden Kapitelbauten, darunter die Memorie (ursprünglich wohl Kapitelsaal, später Grabkapelle der Domherren aus dem Anfang des 13. Jh.) und die mit drei Kreuzrippen-gewölben über Dienstbündeln ausgestattete und dadurch sehr feierliche Nikolauskapelle (vor 1382 erbaut), vorbei an dem tief beeindruckenden, in glühenden Farben leuchtenden „Sühnefenster“ (Dm. ca. 2.90 m); Prof. Johannes Schreiter hat es entworfen und gestaltet 2003. Wenn wir rechnen, dass fünf der sieben Kreuzzüge zwischen 1096 und 1221 n.Chr. stattfanden, befindet sich die vornehme und didaktisch hervorragend aufgemachte Präsentation der Ausstellungskostbarkeiten im historisch analogen Ambiente von originalen Räumen der Zeit ihrer Entstehung.

Zur vorgegebenen glücklichen Konstellation dieser Ausstellung – von Dr. Hans-Jürgen Kotzur als Donneur d´idee verwirklicht - gehören somit die historische Architektur des Domes, die Tatsache, dass kostbare Ausstellungsstücke aus dem Mainzer Domschatz selbst gezeigt werden. Dazu: Die Landesbank Rheinland-Pfalz hatte in der Reihe ihrer Hefte „Lebendiges Rheinland-Pfalz“ Ende 2003 ein ganzes Heft den Forschungen des Kunsthistorikers Hans-Jürgen Kotzur gewidmet, der dem Rätsel der „Rheinhessischen Heidentürme“, - so werden die Kuppeltürme von 4 Kirchen in Rheinhessen vom Volksmund genannt, - seit 1995 auf der Spur war. Wiederum glückliche Konstellation: H.-J. Kotzur fand heraus, dass die Baumeister dieser schon zur Zeit der ersten Kreuzfahrer im Bau befindlichen Kirchtürme diese Kuppelform sich von der Jerusalemer Grabkirche zum Vorbild nahmen im Auftrag glücklich zurückgekehrter Kreuzritter aus dieser Landschaft. Im Katalogbuch bildet diese Forschung einen neuen Höhepunkt und zeigt in ungewöhnlichster Weise den positiven Aspekt, den die Kenntnisse und Einflüsse arabischer Architektur nicht nur in südlichen Ländern bewirkten, sondern auch ganz in der Nähe von Mainz.

Jerusalemkarte, um 1170. Abb.: Den Haag, Koninklijke Bibliotheek.

Jerusalemkarte, um 1170. Abb.: Den Haag, Koninklijke Bibliotheek.

Dazu gehören aber auch die Fakten der Historie, dass der 1. Kreuzzug (1096 bis 1099) von Bouillon aus unter Führung von Gottfried von Bouillon über Wien und Konstantinopel nach Jerusalem führte, während Robert de la Normandie die Route von Paris über Genua, Rom, Bari aus nahm, wie die Karten des Katalogbuchanhangs deutlich zeigen.

Auch der 2. Kreuzzug (1147 bis 1149) von König Ludwig VII. in Paris, vom Stauferkönig Konrad III. mit seinen deutschen Kreuzfahrern ab Regensburg begleitet, führte zunächst über Worms, und der 3. Kreuzzug gar wurde von Kaiser Friedrich I., - auch >Barbarossa< (Rotbart) genannt – angeführt, der hier im Dom zu Mainz ohnehin am 27. 03. 1188 das Kreuz genommen hatte. Mit Ross und Reitern wählten die Führer der Kreuzzüge bis dato den Landweg, auch König Philipp II. August von Frankreich bis Genua (von hier aus Seeweg nach Jerusalem), während König Richard Löwenherz von England bei diesem 3. Zuge mit seiner Flotte von London um Spanien herum segelte, von Marseille aus den Golf von Messina durchschiffend, um dann in Akkon, nördlich von Jerusalem, mit seinen Kreuzfahrern zu landen.

Es gab mehrere Kreuzzüge, darunter einen Kinderkreuzzug. Wir wollen es bei jenen belassen, die mit Mainz zu tun haben. Pilgerfahrten von Männern und Frauen ins Heilige Land nach Jerusalem gab es schon viele vor der Zeit der Kreuzzüge. Erst die Rede Papst Urbans II. anlässlich einer Predigtreise in Clermont-Ferrand (Frankreich) auf dem Konzil von 1095/96 rief die Christenheit zur Eroberung Jerusalems auf, das, wie andere heilige Stätten der Christenheit in Palästina, sich in der Hand der Muslime befand. Diese Herrschaft zu beenden und zwar mit Waffengewalt, war das Ziel, dem sich die Gemeinschaft von Rittern und ihrem Gefolge, aber auch das einfache Volk nach dem Aufruf des Papstes in Frankreich, Deutschland, England verschworen hatte. Am Anfang der Kreuzzüge kam es in den Rheinlanden zur Ermordung von Hunderten von Juden. Die Ausschreitungen gegen Juden in nordfranzösischen wie deutschen Städten wurde als Rache gesehen an denen, die für Christi Tod als verantwortlich galten. Nicht selten war auch Habgier das Motiv, und es entwickelte sich die bizarre Untat, dass mit dem Vermögen der Getöteten die Reise ins Heilige Land finanziert wurde. Die Judenpogrome, die auch die Aufforderung zu Zwangstaufen nicht ausschlossen und von Juden zusammengetragene Schutzgelder an christliche Würdenträger beinhalteten, - die sie letztlich nicht beschützen konnten, aber das Geld dennoch kassierten, - ist der eigentliche Beginn der Mordtaten, die sich in signo crucis auch weiterhin schon unterwegs zum und dann im Heiligen Land in unvorstellbarer Grausamkeit abspielen sollten.

Ritterfigurinen, Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum

Ritterfigurinen, Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum. (Foto: SENSUM - Graphikbüro - Bernd Schermuly - www.sensum.de)


Besuch muslimischer Politiker und Wissenschaftler – Vereinte Kultur im Dommuseum

„Polemos pater panton“ sagte Heraklit (Griechischer Philosoph aus dem 6. Jh. v.Chr.). Übersetzt lautet er weiter: „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die andern zu Freien.“ Als ob es dabei bliebe, bei Freien und Sklaven! Aber Heraklit verleitet, seinen uralten Spruch fortzusetzen, wie wir ihn nach unseren Kenntnissen, aus dieser Ausstellung gewonnen, ergänzen können: Er bringt die Religionen und Kulturen – wenn auch in unserem Falle in einem ungeheuren Aufprall der Religions- und Kulturkreise, der bis in unsere Zeiten und ihre Geschehnisse die Jahrhunderte durchzieht – zueinander, und wir sind durch Kunst und Kultur, die überleben, in der Lage, Bilanz ziehen zu können. Wir heute sind nicht die Betroffenen, wir erleben und vollziehen nach dank dieser Ausstellung, die als Friedensverkündung zwischen Orient und Okzident zu Recht empfunden wird.

Der Dialog der Jahrhunderte – in dieser Ausstellung des Dommuseums reden sie laut und vernehmlich miteinander, man höre und sehe aufmerksam hin! – zeigt, dass die Zeiten voneinander nicht genug lernen. Die noch nie in Mainz da gewesene Frequentierung dieser internationalen Sonderausstellung macht das Interesse deutlich, das nicht nur Europäer und aus den USA kommende Besucher zeigen, sondern vor allem auch hochrangige Vertreter der arabischen Welt: Einen „aktiven Beitrag zum Frieden“ nannte der ehemalige Außenminister Algeriens und Präsident des Stiftungsrates für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, Professor Ibrahimi, die Ausstellung; er war gekommen mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Prof. Nassif (Saudi Arabien), Präsident des Islamic World Congress, Dr. Taiyeb von der UNESCO (Paris), Herrn Professor Berbiche, ständiger Generalsekretär der Akademie des Königreichs Marokko (Rabat-Marokko), Prof. Mohammed S. al-Salem (Riad – Saudi Arabien), Präsident der Imam M. Saoud-Universität Riad, Mohammed Abd ar-Rahm ad-Dosari und Mostafa Ahmed Nor ( beide Doha – Katar), beide Vertreter des Kultusministeriums Katar, Prof. Izz ad-Din Ibrahim (Abu Dhabi – Vereinigte Arabische Emirate), Dr. Mohammad Sharif (Tripoli – Libyen). Bei seiner Führung wies Dr. Kotzur die Gäste auf die Tatsache hin, dass vor allem auch das Institut der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt/M entscheidend mit Leihgaben zur Bedeutung der Ausstellung beigetragen hat, und dankte dem anwesenden Leiter des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften Professor Fuat Sezgin sehr herzlich. Professor al-Salem, Präsident der Universität Riad in Saudi Arabien, war wie alle anderen tief beeindruckt vom „Konzept der Ausstellung mit ihrer vorurteilsfreien Annäherung an die Geschichte“.

Die Vorurteilsfreiheit beruht auch auf der glücklichen Idee, sowohl islamische wie christliche Chronisten der Zeit der Kreuzzüge in den Tafeltexten und dem dazu erschienenen kleinen Textband zu den Ereignissen sich gegenüber zu stellen, so dass der Leser vergleichen kann.

Es wird deutlich, wie das Zusammensein und –leben von Christen und Muslimen im Heiligen Land sich auch im Lauf der Zeit, welche Kreuzfahrer, Ordensritter und ihre Begleiter dort zubrachten, zu assimilieren vermochte, soziologisch interessant wurde und wissenschaftlich, wobei allerdings mit Ausnahme vielleicht der zu dieser Zeit in Jerusalem lebenden Templer- und Johanniterordensleute die Ritter und ihr Volk von den Muslimen lernten und weniger umgekehrt. Vor allem die arabischen medizinischen und technischen Errungenschaften kamen auch den in den neugegründeten Kreuzfahrerstaaten lebenden Christen zugute, und die Ausstellung vermag hier außerordentliche Objekte und Zeichnungen zu präsentieren.


Wie hielt man es mit den Frauen?

Ich erinnere mich (hoffentlich richtig!), als Kind in der Bibliothek meines Vaters einen Kunstband angesehen zu haben über den Maler und Graphiker Moritz von Schwind (1804 – 1871), der in der Zeit der Romantik, welche die Kreuzzüge und die Ritter verherrlichte, 1822-23 seinen „Ritterspiegel“ schuf. Es war in diesem Buch ein Ritter zu sehen, zu seiner Rechten wohl seine Frau, zu seiner Linken aber eine wunderschöne „Sarazenin“. Mein Vater erklärte mir, wie viel Kultur und Feinsinn diese gebildeten, aus dem Morgenland mitgebrachten Damen in das Leben der Ritter und ihres Hofes gebracht hätten.

Zunächst einmal aber zeigt die Mainzer Ausstellung einen bislang wenig berücksichtigten Aspekt: In seinem Katalogbuchbeitrag „Frauen auf dem Kreuzzug“ weist der Autor Bodo Hechelhammer auf die Einstellung der Zeit hin, dass „die Frauen physisch nicht in der Lage wären, die großen Strapazen einer solchen Reise zu bewältigen, geschweige sich an den Kampfeinsätzen zu beteiligen“; der Bischof von Bethlehem fürchtete gar, es könne zu „ungezügeltem Geschlechtsverkehr der Kreuzfahrerinnen kommen“. Allein: Frauen, die das Heilige Land besuchen wollten, ließen sich nicht abhalten, im Kriegsfalle betreuten sie die kämpfenden Männer, ja, sie kämpften selbst mit, wie ein arabischer Chronist berichtet. Bernd Ulrich Hucker hat einen Beitrag über das „Grafenpaar Beatrix und Otto von Botenlauben und die deutsche Kreuzzugsbewegung“ geschrieben, deren Grabfiguren sich im Dommuseum befinden. Ihnen ist ein ganzer Raum gewidmet mit umfassender Stammtafel, da ihre Liebe ein Ergebnis der Kreuzfahrt des Grafen nach Akkon ist, wo die schöne Beatrix mit ihrer Familie im Exil lebte.

Otto von Botenlauben und Beatrix von Courtenay

Otto von Botenlauben und Beatrix von Courtenay, Gestaltung der Grabplatten des 13. Jh., Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum (Foto: SENSUM - Graphikbüro - Bernd Schermuly - www.sensum.de)


Kultureller Dialog der Jahrhunderte

Die Ouvertüre der Ausstellung bildet ein auf Glasfasermatte montiertes Fresko „Krankenheilung und Abreise des hl Bernhard von Clairvaux“ von Johann Baptist Schraudolph, das einmal den Speyrer Dom schmückte und 1957 mit den anderen Fresken bei der Restaurierung des Domes abgenommen wurde. Die Verfasserin dieser Zeilen erlebte die Abnahme der Fresken, und sie fotografierte, dass sie nach der Abnahme aus schwindelnder Domhöhe auf Schnüren mit Wäscheklammern zum Trocknen aufgehängt waren. Es handelt sich um das letzte Bild aus dem Schraudolphschen Freskenzyklus im Speyrer Dom, ein „Simultanbild“, da der hl. Bernhard zweimal innerhalb des Bildes - bei Heilwundern und bei seiner Abreise - zu bewundern ist; Stauferkönig Konrad III. sitzt hoch zu Ross in der Bildmitte, die Kreuzfahrerfahne wird geschwenkt, und der pathetische Charakter des im spätnazarenischen Stil gestalteten Bildes lässt kaum ahnen, wie sehr sich König Konrad gegen die Aufforderungen von Bernhard von Clairvaux zur Beteiligung am 2. Kreuzzug zunächst gewehrt hatte.

Hans-Jürgen Kotzur nimmt in seine Ausstellungen – schon bei derjenigen zu Ehren von Hildegard von Bingen fiel dies auf - gerne auch Arbeiten von lebenden Künstlern als Denkanstoß mit hinein, die er an den Anfang stellt. So wählte er dies Mal den Maler Hans Nauheimer aus Raunheim aus, der 2002 das Antikriegsgemälde „Kreuzzüge gibt es noch immer“ geschaffen hat, auf dem er Gefallene am Boden liegend darstellt; sie erinnern an den >unbekannten Soldaten< , sie bleiben anonymes Symbol der Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges. Man steht davor, und es herrscht plötzlich Totenstille. Hier das Schraudolph-Fresko in seiner übertriebenen Verherrlichung des hl. Bernhard, der zum Kreuzzug aufruft und damit viel Leid im Namen Christi geschehen lässt, da das moderne Gemälde, das zeigt, wohin Kriege führen.

Zahlreiche Reisen und Kontakte waren notwendig, um die historischen Kostbarkeiten der Ausstellung zusammenzutragen. Der Leiter des Dommuseums war auf sich selbst und sein Konzept gestellt: “kalos ho kindynos“, sagen die Griechen: „Schön ist die Gefahr (Wagnis)“ und damit meinen sie den Willen, etwas zu wagen, was mit Schwierigkeit und Risiko verbunden ist.


Kostbare, dokumentierende und verbindende Kunstschätze

Man bewundert die über 200 Objekte dieser Ausstellung vor Ort in ihrem eindrucksvollen Ambiente, aber es braucht hinterher des vorzüglichen umfangreichen Katalogbuchs mit den Beiträgen zur neuesten Forschung, um nachzuvollziehen, was man alles nicht wusste und womit sich eben die Autoren für uns, die Aufnehmenden, beschäftigt haben.

Die im Mainzer Domschatz vorhandenen eigenen Schätze, die in die Leihgaben aus großen Museen, Kathedralsammlungen, Klöstern und Bibliotheken integriert sind, ergänzen sich durch wertvollste Exponate. Als Leihgeber ist Dank auszusprechen an: Die Österreichische Nationalbibliothek in Wien, die Koninklijke Bibliotheek in Den Haag, eine große Anzahl verschiedenster Museen in Deutschland und Frankreich, darunter Paris und Lyon, an das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M., an private Leihgeber.

Kreuzfahrerpaar aus Belval. Abb.: Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum

Kreuzfahrerpaar aus Belval. Abb.: Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum (Foto: SENSUM - Graphikbüro - Bernd Schermuly - www.sensum.de)

Der Besucher kann sich anhand der zahlreichen originalen Exponate sowie der Modellbauten oder Abgüsse orientieren an Kapiteln der Kreuzfahrergeschichte, die er so nicht kannte und auch nach dieser aufklärenden Ausstellung nicht mehr in diesen Zusammenhängen sehen wird: Modell eines Ritters hoch zu Ross und von Ritterfigurinen, Modelle von Kreuzritterburgen im Jerusalemer Königreich, darunter das großartige des „Krak des Chevaliers“ u.a., Helme und Waffen der Ritter, das Modell des Schiffes von König Ludwig IX. von Frankreich, vor allem aber auch solche der Araber wie ein Modell der Windenarmbrust , der Steingut- (auch Brandtop genannten) und der „biologischen“ Granate; Reliquien in kostbaren Gefäßen, arabische medizinische Geräte, Textilien, vor allem aber auch prunkvolle Goldschmiedearbeiten und originale und umgestaltete Reliquiargefäße.

Bebilderte Handschriften arabischer und europäischer Chronisten, arabische Chronometer, Automaten und Astrolabien, auch in den farbigen Darstellungen aus berühmten arabischen Handschriften.

Hier vorgestellt und herausgegriffen sein soll das Kunstwerk eines arabischen und eines christlichen Goldschmiedes, von Dr. Winfried Wilhelmy, der mit seiner Kollegin Dr. Birgit Klein vom Dommuseum das hervorragende Katalogbuch bearbeitet hat, im Text beschrieben: „Kokosnussreliquiar, 1230/50“ aus der Domkammer der Kathedralkirche St. Paulus in Münster. Die Bekrönung ist vermutlich fatimidisch/iranisch aus dem 10. Jahrhundert. Eine glatt geschliffene Kokosnuss auf einem „wenig verzierten Unterbau“ trägt als Aufsatz eine aus Bergkristall ursprünglich vom arabischen Künstler als Löwe gestaltete Figur, deren Kopf von einem christlichen Goldschmied in der Zeit der Hochgotik abgesägt und durch den eines Lammes ersetzt wurde. Der Kopf des Lammes ist zur Seite zum Betrachter hin gewendet und wird von einem silbernen Halsband gehalten; an einem weiteren goldenen Halsring ist ein Kreuz mit Fahne eingelassen: aus dem Löwen ist das Lamm Gottes geworden, das Innere des ungewöhnlichen Gefäßes sollte zunächst eine Herrenreliquie aufnehmen, später wurden weitere 47 Reliquien ebenfalls darin aufbewahrt.


Aktualität der Ausstellung – Brisanz und Brückenschlag über die Jahrhunderte

Die Al-Azhar-Universität in Kairo hat im Zusammenhang mit dem Irakkrieg von einem „neuen Kreuzzug“ gegen die Muslime gesprochen. Der Heilige Stuhl in Rom erhob gegen diese Äußerung Einspruch. Daraufhin erfolgte von der Kairoer Universität, der berühmtesten in der arabischen Welt, eine beruhigende Stellungnahme. In der ägyptischen Presse wurde jedoch einige Tage später der Begriff „Kreuzfahrer“ wieder angewendet.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unterhält der Päpstliche Rat „einen offiziellen Dialog mit allen Religionen und Geistesströmungen auf dem Globus, auch mit der Al-Azhar-Universität in Kairo.“ Zwischen ihr und dem Vatikan wurde 1998 ein gemeinsames Komitee gegründet. Man trifft sich jährlich, einmal in Kairo, einmal in Rom (siehe FAZ vom 15. Mai 2004, Alexander Goerlach, „Die neue Weltordnung“). Trotz unüberwindlicher theologischer Schwierigkeiten begrüßen beide Seiten die aufgenommenen Kontakte und den Dialog.

Mainz hat mit seiner Ausstellung im Dommuseum nicht nur die bedeutendste aufklärerische Leistung zum Kennenlernen der Kulturen von Morgenland und Abendland zur Zeit der Kreuzzüge erbracht, sondern einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung und zu Friedensbemühungen und besserem Verständnis. Die Frequentierung der Ausstellung beträgt weit über 90.000 Besucher aus aller Welt, - Mainz hat 200.919 Einwohner (Stand 31.12.2003), man stelle sich also vor, die Hälfte der Mainzer Bürger mache sich auf den Weg zu ihrem Dommuseum.

Und man vergesse eines nicht: Unerlässlich ist es, das gewichtige Katalogbuch, in der 2. Auflage erschienen, und den Tafeltextband zu erwerben, nur dann kann man diese Ausstellung in ihrer vollen Bedeutung erfassen.


» Seitenanfang