Ursula C. Weber

UNVERHÜLLTE KOMMUNIKATION . . .

"NACKT!" im Frankfurter Städelmuseum – Marketing und eine Themenausstellung in einer Liaison dangereuse


Kritische Vorbemerkung

"Mit dem Zeitgeist arbeiten heutzutage viele Kampagnen, die oftmals einfach über das Ziel hinausschießen" (zitiert nur die Hälfte des Satzes), schreibt ROLAND SCHMIDT in dem 2002 erschienenen Buch »Interactive Marketing«. Marketing und Public Relation zur Ausstellungsinszenierung von "NACKT! FRAUENANSICHTEN.MALERABSICHTEN. AUFBRUCH ZUR MODERNE" markieren deutlich die vom Zeitgeist geplagte und suggerierte Tendenz in einem Museum, durch geschicktes Marketing eine klassische Themenausstellung zu maximierter Publikumsreaktion zu führen, was ja auch durchaus wünschenswert ist für die Beteiligten angesichts einer Investition von € 1,5 Millionen. Indes: Hier liegen Brüche vor. Einladung, Pressemappe, das interne Plakat, der Katalog zeigen als Titel einen Ausschnitt des ungewöhnlichen manieristischen Gemäldes von EDGAR DEGAS: "Nach dem Bade, (sich trocknende Frau)", um 1896, (aus dem Besitz des Philadelphia Museum of Art entliehen).

Der Flyer zur Ausstellungsinfo, alle externen Plakate in Stadt und Land, auch die Werbesäule vor dem Städelmuseum zeigen hingegen ein im Detail angeschnittenes Foto der rechten Brustseite einer braunhäutigen Frau und in Spiegelschrift "GAUGUIN SIEHT EINE FRAU!". Geht man auf die Website im Internet, wechseln außer dieser Fotografie sich in gleicher Manier noch drei andere Frauenbrüste ab, um noch drei weitere Malernamen ins Foto einzublenden: PICASSO, SCHIELE, MATISSE "(...)SEHEN EINE FRAU!" ; die Haut der Fotografierten ist einmal tahiti-braun, zweimal gebrochen weiß, einmal ins Bräunliche übergehend. Keine einzige dieser Fotofrauen haben die berühmten Meister je gesehen oder gemalt. Man spürt die aufreißerische Absicht (der Werbeagentur), und man ist kunsthistorisch verstimmt (über die Ausstellungsverantwortlichen). Nacktfotos sollen die Ausstellung in einen erotisch-lockenden Zusammenhang stellen, aber der Inhalt sind individuelle gestaltete Malereien des weiblichen Körpers. So etwas hat DAS STÄDEL nicht nötig!

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Dieser Konflikt macht noch anderes deutlich: Die Fotos, die dem Marketing dienen, erwecken einen kurzfristigen direkten sexuellen Reiz, die gemalten und aquarellierten Werke, die Zeichnungen haben erotische Dimension, sie schließen die Beziehung des Künstlers zum Modell ein, sie meinen bestimmte Frauen, sie stellen typisch weibliche Positionen und Aktionen dar und die Kunst des Malers, dies in liebevoller Erotik, in Anerkennung des weiblichen Körpers darzustellen..
Die Frauenaktfotos hingegen bleiben anonym!
Aber auch wenn man weiß, dass etliche der Maler nach Fotovorlagen gearbeitet haben, die Ansätze, die hochkarätige Malereiausstellung mit werbenden Aktfotos modern aufzupeppen, erzeugen einen Zwiespalt. Das aufs indogermanische zurückgehende Wort NACKT, und dann noch mit Ausrufezeichen versehen, regt allein schon die Phantasie genugsam an. Die so gestartete Marketing-Kampagne des Städel verleitet flanierende Frankfurtbesucher auf Grund der Plakate zu der Ansicht, es gäbe Akt-FOTOS zu sehen.

Das geht nicht! Eine Ausstellung "Das Aktfoto" im Münchner Stadtmuseum gab es 1985, die Städel-Ausstellung beinhaltet bis auf zwei Werke – eine montierte Fotografie von 1994 und eine Videoinstallation von 1997 als quasi Ausblick in die Moderne - nur Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen und 4 Thema berührende Plastiken aus der Zeit 1880 bis 1938 (MEISTERS DER CHOKWE, Angola, EDGAR DEGAS, ERNST LUDWIG KIRCHNER, HENRY MOORE), bereichernde Inkonsequenzen, die man freudig verzeiht.

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Aus der deutschen Künstlerlandschaft vermisse ich die Namen ALBERT WEISGERBER und HANS PURRMANN, die bedeutende Aktgemälde geschaffen haben. Man will sich absetzen, unterstützt von den gegebenen Untertiteln »Frauenansicht«, »Malerabsicht«, »Aufbruch zur Moderne«, von biblischen und mythologischen Themen, durch welche die Aktmalerei erst wieder im 15. Jahrhundert `hoffähig´ wurde. Aber auch da ist man nicht konsequent: AUGUSTE RENOIR betitelt das Gemälde seiner an einem Bach ruhenden Gefährtin Lise Trehot 1869: "Nymphe an einem Bach", und schon ist im übertragenen Sinne die Mythologie wieder ins Thema einbezogen, auch, wenn man BALTHUS` Gemälde der "Alice" von 1933 nicht in einem kurzen weißen Hemdchen da stehen lässt, sondern das von den Schultern herabgeglittene Hemdchen vergleicht mit einem `Chiton´, der (...) "an eine Amazone erinnert". "O me misera", würde eine kampfgewohnte antike Amazone klagen.

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Das Szenario für die neue Ausstellung der schönen Aktbilder, die über die Haupttreppe zu erreichen ist und ein Zentrum in den Räumen der ersten Etage bildet, soll deren Wirkung erhöhen. Die hohen Decken wurden abgehängt, die Böden gehellt, die Farben der Wände in orange-erdfarbene, türkisblaue, zartlila, in Grüntöne getaucht, Einzelkabinette geschaffen. Die Farbenlogistik dazu, die sich beruft "auf die Palette des Expressionismus", soll auch für Bilder aus anderen Stilepochen passen. Das ist ein Hasardspiel geworden. Die intime Atelieratmosphäre, in den Gemälden auf Hintergrund für den dargestellten Frauenkörper vom Künstler oder der Künstlerin abgestimmt, inszeniert, drapiert, ist von der Präsentation her aufgegeben zugunsten einer den Betrachter ernüchternden Atmosphäre, die den rund 80 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen, den wenigen Plastiken berühmter Meister nun die unabgelenkte Betrachterkunst und –gunst zuwenden soll.


Wenn Farbe zum Gewand wird ...

Die für die Ausstellung ausgewählte Epoche der Aktmalerei nimmt als zeitlichen Rahmen die Lebensdaten von ERNST LUDWIG KIRCHNER, 1880 bis 1938. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht sein 1910 in Dresden gemaltes Bild "Akt mit Hut", das seine damalige Geliebte und Modell Doris Große (Dodo) darstellt. In den 20ger Jahren überarbeitete er das 196 cm hohe, 65 cm breite Gemälde im Atelier von Davos noch einmal, 1957 kam es aus der Sammlung Hagemann in den Besitz der Sammlung der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut. Ein Holzschnitt des Jahres 1911 in der Sammlung komplettiert den Besitz eines der Hauptwerke Kirchners.

Ernst Ludwig Kirchner,
Akt mit Hut, 1910

Städtische Galerie im Städelschen
Kunstinstitut, Frankfurt am Main,

Foto: © Ursula Edelmann – Artothek

Copyright: © (für Werke
von Ernst Ludwig Kirchner)
by Ingeborg & Dr. Wolfgang
Henze-Ketterer, Wichtrach/Bern

Das im Gegensatz dazu sehr kleine Gemälde "Venus"(37,7 x 24,5 cm) von LUCAS CRANACH d.Ä.., 1532 entstanden, und lange schon im Besitz des Städel, bildete den Anstoß zu Kirchners Aktbild der Dodo. Mit Kirchners und Cranachs Gemälden als »Eckpfeilern« und der glücklichen Konstellation, beide in ihrem Besitz zu haben, ließen sich Museen aus aller Welt zu kostbaren Leihgaben für die Ausstellung NACKT! bewegen, was heutzutage nicht so einfach ist. Die Freude des Frankfurter Städel-Teams – Kuratorin Dr. Sabine Schulze - an der Realisation eines bereits 1935 von dem Sammler Arnold Budczies geäußerten Gedankens, beide Bilder gemeinsam auszustellen, wird sichtbar auch in der Realisation und dem vorzüglich mit interessanten Beiträgen ausgestatteten Katalog (€ 28.- im Museum), der für mich allerdings Fragen nach der Methodik der Abbildungsfolge offen lässt.

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Brückenschlag also zwischen LUCAS CRANACH d.Ä., einem der Alten Meister im Städel, und dem modernen Brücke-Künstler KIRCHNER, zwischen einer Venus, die mit Grazie ihren durchsichtigen Schleier über den Hüften in beiden ausgestreckten Händen hält, eine Brokathaube trägt und kostbaren Schmuck und einer modernen Frau, mit großem schwarzen Hut und roten Schuhen angetan, die Arme und Hände nicht grazil vom Körper abgewinkelt wie bei der Venus, sondern unter der Brust verschlungen und etwas vieldeutig aus dem Gemälde herausschauend.

Als weiterer kleiner Eckpfeiler der Ausstellung ist die Präsentation der Statuette aus Holz, Glas und Haar einer Königsfrau aus dem 19. Jahrhundert vom Meister der Chokwe in Angola zu werten. Wir wissen: die Kubisten besaßen afrikanische Plastik, der Ecrivain – Poete – Ethnologe Michel Leiris, Schwager von Daniel Henry Kahnweiler, dem Freund und Entdecker Picassos, arbeitete für das Musee de l´Homme in Paris, sprach 11 afrikanische Dialekte, wie er mir erzählte, schrieb das Buch "L´Afrique Noire". Carl Einstein, der Freund beider, Kunsttheoretiker und Dichter, wurde für seine Schrift "Sculpture negre" (1915) ohne Einschränkung von Kahnweiler bewundert, alle sammelten afrikanische Kunst wie auch die Brücke-Künstler, und es ist sehr angebracht, wenn man in die Ausstellung Kirchners davon beeinflusste Holzskulpturen mit hineinnimmt.

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Ausblick in die moderne Aktualität des NACKT-THEMAS geben eine fast den Rang eines veristischen Gemäldes einnehmende fotographische Installationsansicht eines weiblichen sitzenden Rückenaktes mit einer die Wirbelsäule von Anfang bis Ende markierenden Narbe, unter dem Titel "Every One # 14" 1994 von der Schweizerin SOPHIE RISTELHUBER geschaffen, und einer Sechs-Kanal-Videoinstallation, 1997 unter dem Titel "Badehaus" von der Warschauerin KATARZYNA KOZYRA ins Bild gebannt, die nackte Frauen – sich unbeobachtet wähnend - vor und nach dem Bade zeigt. Beide Werke fallen bewusst aus dem Zeitrahmen, prägen sich dem Gedächtnis ein, bilden eine Art psychologischen Wiedereintritt in unsere Zeit, die sich in der Aktmalerei andere Ziele setzt.

Unter den etwa 42 Künstlern befinden sich 8 Malerinnen. Eine Schätzung ergibt, dass das Motiv der Sitzenden als Vorder- oder Rückenakt, als Halbakt oder ganz ansichtig auf Diwan oder Sessel unter den Aktbildern am häufigsten vertreten ist, das Motiv der Stehenden folgt, Akte auf Sofa oder Lager teilen sich ihr Vorkommen zahlenmäßig mit Halbakten, darunter auch die Selbstbildnisse der Malerinnen ANITA REE von 1930, SUZANNE VALADON (Halbakte) von 1931, während PAULA MODERSOHN-BECKER sich ganzfigurig nackt darstellt mit Kette,, in den verschränkten Händen vor der Brust Früchte haltend. Ein besonderes Selbstbildnis für seine Entstheungszeit!

Wohl biographisch bedingt, wirft EMILE BERNARD in seinem Gemälde "Die drei Rassen" von 1898 viele Fragen auf. Es ist ein nicht so sehr geglücktes mehr intellektuell anregendes Programmbild. Die Rangordnung der hellhäutigen und der dunkelhäutigen beiden Frauen ist genau festgelegt; durch die Zuordnung der Stoffdraperien und der Waschschüssel charakterisieren sie den Stand der einzelnen Schönen, die Szenerie wirkt künstlich, die Farbgebung langweilig angepasst den Brauntönen der nackten Körper.

Im Reigen der wundersamen Aktgemälde von PIERRE BONNARD fällt neben dem "Akt mit roten Schuhen" von 1932 vor allem sein "Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund" von 1909 auf. Die Haltung der Frau (vielleicht n a c h dem Bade) ist für die Entstehungszeit ungewöhnlich. Der Betrachter sieht sie von oben, verfolgt perspektivisch die Bewegung des Körpers ins Bild hinein umgedreht. In der Tiefe des Bildes ist der Anreiz des Künstlers zu erkennen, eine Frau darzustellen, die ab der Hüfte die geschlossenen Oberschenkel nach links abwinkelt. Dreht man das Bild im Katalog um, könnte es normal gemalt, dann aber umgedreht worden sein. Auch dieses Bild gehört in die Städelsammlung.

LOVIS CORINTHs wollüstig in Kissen schwelgender Akt von 1899 wird konfrontiert mit seinem 1907 entstandenen "Liegenden weiblichen Akt" aus dem Belvedere in Wien, der auf einer Liege in einer Position dargestellt ist, die man zwar umständlich beschreiben, aber ohne das Gemälde gesehen zu haben, kaum erfassen kann in ihrer Qual des »Hingeworfenseins«, - wodurch auch immer.

Immer wieder überrascht MAX BECKMANNS "Weiblicher Akt mit Hund" von 1927. Der in Aufsicht auf den rückwärts ins Bild liegenden Körper mit übereinander geschlagenem Bein ist so gemalt, in der Verkürzung des von Schatten und Licht geformten Körpers so steil vom Maler ins Bild positioniert, dass der Betrachter fast einen Überschlag fürchten könnte. Ein wahrhaft kühnes Bild! Und dabei raucht die eindeutig als Beckmanns zweite Frau Quappi zu erkennende Dame entspannt eine Zigarette. Dreht man die Abbildung im Katalogbuch um, so wird die Verkürzung noch intensiver erkennbar.

Broncia Koller Pinell, Sitzende (Marietta), 1907, Privatbesitz

Bei HENRI MATISSE, EDVARD MUNCH, NATALIA GONTSCHAROWA, FRANZ MARC, ERNST LUDWIK KIRCHNER wird die Üppigkeit lebhafter Farben gleichsam Gewand des nackten Körpers, während der (liegende) "Akt auf einem Sofa" (um 1880) von GUSTAVE CAILLEBOTTE, die (aufrecht) "Sitzende (Marietta)" von 1907 von BRONZIA KOLLER PINELL, der Rückenakt "Le Bain", 1894, von HENRI GERVEX, der "Sitzende Akt mit Kissen," 1911 von AUGUST MACKE, der "Mädchenakt", 1909/10 von GWEN JOHN und gar VILHELM HAMMERSHOIS "Weibliches Aktmodell", 1910, von zurückhaltender monochromischer Farbgebung in ihrer Haltung »untermalt« (Begriff aus der Musik genommen) sind. FERDINAND HODLER wählt für sein hochformatiges Gemälde "Die Quelle", 1904/10, - eine in der Natur stehende hehre nackte Frauengestalt - das Farbenkleid der Natur als Inkarnat.

Gustave Caillebotte, Akt auf einem Sofa, um 1880. The Minneapolis Institute of Arts, The John R. Van Derlip Fund. Foto: The Minneapolis Institute of Arts, The John R. Van Derlip Fund

AUGUSTE RODINS mit Bleistift, Aquarellfarben und Gouache geschaffene Blätter (aus dem Musee Rodin in Paris) in der Ausstellung zeigen, um wie viel unmittelbarer Erotik wirken kann in diesen zu Tausenden entstandenen Studien von Modellen als im statuarisch wirkenden Gemälde. Es wurden 3 farbstarke Blätter von liegenden Mädchen ausgewählt, deren Gesichter schwer auszumachen sind, da der Bildhauer die intimste Preisgabe einer Frau festzuhalten sucht, als Aquarellmalerei bis zu seinen Blättern hin unüblich. In RODINS 4 Aquarellen über Graphit ( aus der Graphischen Sammlung Weimar, wo sie einstens zur Schließung der dortigen Ausstellung im Jahre 1906 führten) hält der Künstler verschiedene Bewegen mit dem Stift fest, - Akte in der Hock, kniende, sitzend, als Stehende in anmutiger tänzerischer Bewegung – um diese Blätter dann später mit zwei Aquarellfarben zu überziehen, die eine als Hintergrund, die andere zur Hervorhebung des Körpers.

Den erotischen Höhepunkt der Ausstellung bilden zweifelsohne die 7 in verschiedenen Aquarelltechniken ausgeführten Akte aus den Jahren 1910/11 von EGON SCHIELE; wenn man vom platonischen Erosbegriff ausgeht, so kommt hier der sexuelle Aspekt hinzu.
Schonungslos werden die ästhetisch verstörenden Formen eines mageren weiblichen Körpers dargestellt; im Katalog zitiert in dem Bildkommentar Doris Hansmann den Begriff "subproletarisches Körperzitat", den Katharina Sykora prägte. Schiele setzt neue »Malerabsichten« frei, die wir heute noch genauso herausfordernd finden wie die Wiener in den Zeiten der Entstehung dieser in der Farbgebung so beeindruckenden Blätter. Auch das Gemälde seiner "Liegende Frau" von 1917 stellt ein Spiel zwischen Nacktheit und Verhüllung dar, wie man es bis dahin nicht kannte.

Schiele bewirkt, dass GUSTAV KLIMTS Bleistift- und Farbstiftstudien des nackten weiblichen Körpers in ähnlichen Aufsichten – zwischen 1907 und 1914/15 entstanden – fast harmlos wirken, es fehlt ihnen natürlich auch die kühne Farbgebung Schieles.

PICASSO fehlt in dieser Schau natürlich nicht, gezeigt werden der "Akt vor rotem Hintergrund" von 1906. Es ist ein unbekannteres zwischen den Hauptepochen seines Werks sich situierendes Bild, wobei für mich der "Stehende Akt" von 1907 aus der Sammlung Riccardo und Magda Jucker (?) ideal gewesen wäre im Kontext zu Kirchners Akt und der Hineinnahme der "African works" in dieser Zeit. In "Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend", einem Pastell von 1921, ist Picasso wieder "Finder", indem er sich im Bildmotiv auf die antike Plastik des "Dornausziehers" und die "EURYDIKE" von Renoir (in seinem Besitz befindlich) beruft, in der Ausführung aber sich selbst treu Füße und Hände, welche ja die Aktion ausführen, überdimensioniert darstellt. Sein Werk "Die Bäuerin" von 1938 ist ans Ende der Ausstellung gesetzt, eine Zusammenfassung von psychologischen Deutungen, stilistisch surrealen und kubistischen Elementen grausam zusammenbringend.

OTTO DIX zwischen seinem "Halbakt" von 1926 und der "Venus mit schwarzen Handschuhen" von 1932, dem eigentlichen Gegenstück zu Cranachs "Venus" im Städel. Es ist – immer subjektiv gesehen – für mich das geheimnisvollste und aufreizendste Bild der Ausstellung. Käme man jemals auf die Idee, bis zum Ellbogen reichende Handschuhe zu tragen, während der übrige vor einem Vorhang sitzende Körper bis zum Ansatz der Oberschenkel schonungslos entblößt ist? Die schwarzen Handschuhe, das über die Knie gelegte schwarze Tuch assoziieren Eros und Tod , der geheimnisvolle Blick der mädchenhaften Schönen bleibt rätselhaft; der über dem Bauch angewinkelte linke Arm teilt den Körper der Figur in zwei Stadien: im oberen Bereich ist sie noch ganz mädchenhaft, die rechte Hand zieht das Tuch so weit herunter, als ob das Mädchen auf den Zustand des Frauseins hinweisen wolle.

Otto Dix, Venus mit schwarzen Handschuhen (Venus with Black Gloves), 1932. Privatsammlung courtesy Richard Nagy, Dover Street Gallery, London. Copyright: © VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Zwei Frauengestalten deuten auf die Zeit hin, da die Frau nicht mehr nur Geliebte oder Modell ist: es sind beides Frauen, die lesen. FELIX VALLOTON, der mit "coolen" Aktdarstellungen mehrfach vertreten ist, wählt in dem Gemälde "Die niedergelegte Lektüre" von 1924 eine Frau, die in sich ruhend auf dem Lager ihr Buch geschlossen in der linken Hand des auf der Seite nach vorn gewandten Körpers hält, um mit nachdenklichem Blick das Gelesene zu verarbeiten. Der darstellende Künstler hat ihr die Pause gewährt, er respektiert ihre Lektüre, hingerissen malt er sie als Dreiviertelakt liegend mit einem Tuch über den Beinen.

Felix Valloton, Die niedergelegte Lektüre, 1924

THEODORE ROUSSELL inszeniert sein "Lesendes Mädchen" von 1886/87 in ausgestreckter Haltung in einem Faltstuhl ruhend, auf dem ein Schal und ein geblümter Kimono über die Lehne gelegt einen malerischen Hinter- und Vordergrund für die Lesende bildet. Und sie liest nicht etwa in einem Buch, sondern in einer Zeitung oder einem Magazin. Sie liest mit offenem Munde, vertieft, und der Maler stört sie nicht. Roussell malte sein geliebtes Modell, das selbst Bildhauerin war. Er wurde von einem Londoner Kritiker des "Vulgarismus" bezichtigt. Sein Gemälde ist alles andere: es ist elitär, nobel und weist in die Zukunft der nicht nur schönen sondern auch intelligenten Frau.

Theodore Roussell, Lesendes Mädchen, 1886/87

Im Werk AMADEO MODIGLIANIS spielt die Darstellung der Frau eine überwiegende Rolle. Eines seiner schönsten Gemälde ist "Liegender Frauenakt auf weißem Kissen" von 1917 aus dem Besitz der Staatsgalerie Stuttgart. Eine gewisse Farbenverwendung, kühle Sinnlichkeit und streng gefasste Körpersprache, die eines Hintergrundes nicht bedarf, zeigen eine Wahlverwandtschaft zu dem 19 Jahre älteren Felix Valloton, obgleich die »Malerabsichten« differieren. Modiglianis Akt ruht in sich, Vallotons Frauengestalten bergen in ihrer Bewegung ein Geheimnis.

Amedeo Modigliani, Liegender Frauenakt auf weißem Kissen, ca. 1917, Staatsgalerie Stuttgart
Fotonachweis: Staatsgalerie Stuttgart

Das Städelmuseum zeigt uns "Bilder einer Ausstellung", die orchestrierend die Nacktheit des weiblichen Körpers vorführt.

(Bis 11. Januar 2004)


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